Tarieren


Die neuen Hinterglasarbeiten zeigen Anordnungen von schnittartigen geschlossenen Formen im Wechselspiel mit feinen halbtransparenten Formierungen. Linien und Bänder verbinden sowohl die scharf abgegrenzten als auch die unregelmäßig strukturierten Flächen.

Diese Zeichnungen sind ein weiterer experimenteller Schritt meiner langjährigen Arbeit auf Glas. Sie sind geprägt von Konzentration und Reduktion auf einige mir wesentlich erscheinenden Elemente. Anders als bei den vielgestaltigen, malerischen Farbkompositionen der vergangenen Jahre stehen hier hauptsächlich pure Formen, Linien und die Verwendung schwarzer und weißer Farbe im Vordergrund.

Die komplizierte, weil umgekehrte Arbeitsweise der Hinterglasmaltechnik erfordert ein ständiges Planen und Vorausdenken, eine Konzentration auf die technisch notwendigen Abläufe, ein generelles Umdenken. Nicht nur dadurch, dass alles seitenverkehrt konzipiert wird. Am schwierigsten ist der umgekehrte Aufbau eines Bildes. Diese Technik habe ich mir über Jahre erarbeitet und sie ständig weiterentwickelt. Bei diesem Vorgehen spielt das Erfahrungswissen über Konsistenz und Transparenz des Materials eine große Rolle. Jeder Pinselstrich muss sehr schnell auf der Rückseite des Glases kontrolliert werden, denn wenn die Schicht erst einmal trocken ist, lässt sich absolut nichts mehr ändern. Das ist das Risiko! Sollte ich mich beim Farbauftrag vertun, ist das Bild fertig, bevor es fertig ist! Ich kann nicht wie bei der Leinwandmalerei oder der Papierzeichnung etwas nachträglich korrigieren und übermalen, oder Akzente anders setzen. Das heißt, spontanes intuitives Arbeiten ist nur bedingt möglich. Wie in allen komplexen Arbeitsvorgängen sind quasi beide Gehirnhälften abwechselnd in Aktion. Im Grunde springe ich mit hoher Konzentration zwischen technischer Notwendigkeit und künstlerischer Intuition, zwischen Ratio und Gefühl hin und her.

Die neuen Zeichnungen spielen mit leichten, keiner festen Form unterliegenden Flächen. Diese stehen im Kontrast zu den harten, scharf geschnittenen Teilen der Komposition. Seit jeher war ich fasziniert vom Schneiden. Beeinflusst von meiner Mutter, die lange in Japan gelebt hat, entstand bei mir die Vorliebe für den Werkstoff Papier und dessen Gestaltungsmöglichkeit. Bis heute ist der japanische Holzschnitt, der Faltschnitt, das einfache Verändern einer Form durch minimale Eingriffe ein Faszinosum für mich. Die Erkenntnis, durch mutige, weil irreversible Zerstörung etwas Neues zu kreieren, ist immer wieder frappierend. In kürzester Zeit ist eine klare Form zu schaffen. Man kann sie weiter bearbeiten, aber nur in eine Richtung, nämlich durch Wegschneiden, Verkleinern, letztlich durch Reduzieren. Dabei muss man eine Vision haben oder aus dem Inneren "unbewusst" den Schnitt kommen lassen, denn das Schneiden passiert schnell, ist riskant und ist unwiderruflich. Die Spuren dieses Prozesses führen zur Vereinfachung und damit zum Ziel.

Diese kompromisslose Schneidearbeit habe ich auf meine Hinterglas-Zeichnungen übertragen. Unter der ultraglatten Oberfläche des Glases und mit entsprechend hoher Leuchtkraft zeigt sich die reduzierte/ konzentrierte pure Form dieser neuen Arbeiten. Harte, klare geometrische Formen stehen in Korrespondenz mit den durch Zufall produzierten Texturen und Mustern; weiche Linien kommentieren hermetische Farbflächen. Wie in der fernöstlichen Philosophie, muss es immer beides geben, hart und weich, konturiert und schemenhaft, transparent und opak.

Sowohl bei der künstlerischen Produktion als auch beim Betrachten entsteht der Prozess des Tarierens. Es geht um das Abwiegen als klare pragmatische Kontrollmaßnahme und das Abwägen der Bedeutungen, die darüber hinaus oder dahinter in noch unklarer Form zu finden sind. Die Gegensatzpaare sind nur dem Anschein nach gegensätzlich. Sie sind so etwas wie gegenseitige Fragen und Antworten und gehören, selbst wenn sie diametral entgegen-gesetzt sind, zusammen. Aus dem Zusammen-Wirken erklärt sich die Bedeutung des Einzelnen.

Im Vorgang des Austarierens der Gegenseiten entsteht Neues.

Als Künstler arbeitet man mit Gewichtungen auf der Fläche, versucht Akzente zu setzen und ein spannendes, trotzdem in sich ausgewogenes Bild entstehen zu lassen. Aber auch unsere täglichen Entscheidungen basieren auf Gewichtsverlagerungen. Wir schieben ständig Gewichte auf einer inneren Skala hin und her. Wir wägen das Für und Wider ab, wir versuchen das Überwiegende einzuordnen, das (Ge-)Wichtige zu beachten, das Ausschlag-gebende zu erkennen. Bei jeder kleinen Entscheidung spielt dieses ständige Tarieren eine Rolle, damit wir letztendlich nicht das Gleichgewicht verlieren, zu viel in eine Waagschale werfen oder weit oben auf der Wippe in der Luft hängen. Wenn wir aus dem Gleichgewicht geraten, unausgeglichen sind, überlegen wir, was uns wieder ins Lot bringen kann. Wir können alles schwarz sehen, oder schwarz-weiß sehen, oder die Farbe als Akzent in unser Leben bringen, was die Gewichte verschiebt. Zwischen unendlich vielen Möglichkeiten sind wir frei, die Reiter auf der Skala zu bewegen. Wir haben die Chance, uns zu bewegen und alles anders zu gewichten und damit auch anders zu sehen, einen anderen Standpunkt einzunehmen.

Mit dem Werkzyklus TARIEREN zeigt sich Kunst - im doppelten Wortsinn - als Wa(a)gnis.

Nina Neumaier · Berlin 2010


BALANCING


The new behind-glass drawings are made up of arrangements of closed, cut-like figures set against delicate, half transparent forms, lines and bands connecting the sharply-cut and the irregularly structured areas.

The drawings, which are characterized by a concentration on or reduction to certain, for me, fundamental elements, represents a further experimental step on a long journey working with glass. In contrast to the multifarious, painterly colour compositions of the past, pure shapes and lines, and the use of black and white predominate.

Because everything has to be conceived in reverse, the behind-glass technique demands constant planning and forethought, a concentration on the inevitable technical ramifications, in other words, a general re-think. Nothing is more difficult than the creation of a picture in reverse. I have studies the technique over the years, further adapting and developing it, and the resulting knowledge of the texture and transparency of the material plays a major part in the process.Every brush-stroke has to be quickly checked on the reverse of the glass, since, when the layer is dry, absolutely nothing can be changed. That's the risk! If I make a mistake applying colour, then the picture is, as it were, finished before it's finished. In contrast to a painting on canvas or drawing on paper I can't correct it or over-paint it later, or change emphases. In other words, it is almost impossible to work spontaneously and intuitively. As in all complex working processes both halves of the brain are alternately engaged, so that one is constantly switching to and fro between technical necessity and artistic intuition, reason and feeling.

In the new drawings the loose, irregular, underlying forms contrast with the strong, clear-cut sections of the composition. Ever since I was a child cutting has fascinated me. A prediliction for paper as a materail and its forming possibilities came from my mother, who for a long time lived in Japan. To this day the Japanese woodcut, the technique of paper-cutting and folding, the simple altering of a form by means of minimal interventions remain a fascination for me. And the realisation that one can create something new by bravely (that is, irreversibly) destroying, continues to amaze me. In no time at all a new form is created. One can go on working on it, but in the one direction only: that is, by cutting away, by diminishing-ultimately, by reducing. Because it happens so quickly, because cutting is so risky and irrevocable, one either has to have a vision, or the cut has to be 'unconscious', has to come, as it were, from within. The path this process traces leads to simplification and so to one's goals.

I have applied this uncompromising way of working to my behind-glass drawings. In the new work, pure, reduced, correspondingly luminous forms appear from behind the shining surface of the glass. precise, highly-defined geometric shapes 'correspond' with chance-produced patterns and textures, soft lines 'comment' on hermetic areas of colour. As in Easter philosophy, there have to be both the hard and the soft, the clear and the unclear, the transparent and the opaque.

Just as for the artist making the work, so for the viewer viewing it, there is a process of balancing involved, which has to do with the' weighing out' of the practical measures for controlling the process and the 'weighing up' of the possible meanings, however unformed, that may be found there. The pairs of opposites only appear to be in opposition. In some ways they resemble questions and answers which, even when they seem to be diametrically opposed, belong to each other. In this coming together the singular finds it meaning.

In this process of balancing opposites something new takes shape.

As an artist one weighs up the surface, placing an emphahsis here, a stress there, all the while trying to ensure a balanced picture emerges. But then our daily decisions themselves are based on the transferring of weight. We constantly weigh things on an internal scale. We weigh up for and against, try to identify what is important and what is not, try ultimately to identify what matters. This constant balancing plays a role in every little decision, so that at the end of the day we don't lose our sense of equilibrium, or throw too much into one scale or the other, or find ourselves simply left 'up in the air'. And, if we do lose our equilibrium, when we become unbalanced, we think about how to put things right, how to'right' them. We may see everything as 'black' , or 'black and white', or add a little colour to our life, in order to shift the balance. Among the endless possibilities we are free to move the rider on the scale. It is open to us to move, to weigh up other possibilities and therefore to see things differently, to take up another standpoint.

In the cycle of work entitled BALANCING/TARIEREN art is seen to be both a 'weighing out' and a 'weighing up'.

Nina Neumaier
Tanslation: Ray Malone