Memotion


Zuversicht, meditative Einstimmung und absolute Konzentration lassen Leichtigkeit entstehen, die offen ist für die Ausformung einer intimen Idee, eines auftauchenden Gedankens. Momente einer Suche, einer Suche in mir selbst, werden schliesslich zur nonverbalen expressiven Erklärung. Was plötzlich Zeichnung geworden ist, seine materielle Existenz gefunden hat - ist anschaubar und anfassbar geworden, ist Spur und Erinnerung eines inneren und äusseren Vorgangs.

Das Faszinosum dieser Erfahrung ist ursprünglich, so alt wie die Menschheit, so jung wie ein Kind. Ist es doch einfach menschlich, ohne Werkzeug, nur mit dem Finger eine Linie in die Erde zu ritzen, die Fantasie laufen zu lassen. So werden Geschichten skizziert, die aus der Tiefe auftauchen. Die unmittelbare Spur der eigenen inneren Bewegung, die Freude am Erscheinen, am Dinghaftmachen wird kraftvoll erlebt und fixiert.

Die Aufzeichnung ist in erster Linie ein sich selbst gemachtes Geschenk. Eine Erlaubnis, das nicht Greifbare kommen zu lassen, als Ahnung und Träger des Unbewussten, das sich ja nicht wirklich auf einem Blatt fixieren lässt. Aber diese Erscheinung wird zur Kommunikation. Die Verwandtschaft zum Schreiben, zum Mitteilen ist unübersehbar.

Zeichnung kann das Auftragen von Linien auf einen Untergrund sein - eine additive Technik mit einem Positiv-Ergebnis. Zeichnung kann aber auch ein Hinterlassen einer Spur sein, die durch Verdrängen, Abtragen und Freilegen entsteht - eine subtraktive Technik mit einem Negativ - Ergebnis. Auf solch einer "Negativlinie" basieren meine neuen Arbeiten "Memotion" und "Locomotion" und "Co-motion".


Wie bei einer archaisch anmutenden Sandzeichnung oder dem Ritzen in Dreck oder Ton, hinterlasse ich in der frischen Farbe eine sich eingegrabene Spur. Schiebende und drückende Bewegungen bewirken eine Verdrängung und Verdichtung; durch die materielle Beschaffenheit der Farbmasse bleiben die Linien erhalten. Die Freilegung des weissen Untergrunds teilt die Schwärze und bleibt als Zeichnung stehen. Zum Vorschein kommt auch im übertragenen Sinn das Untergründige.

Das technische Rückwärts wird zur vorauseilenden Idee; das teilweise Ausgraben lässt Neues entstehen. Das Ergebnis scheint in seiner künstlerischen Anmutung verwandt mit den Techniken wie dem Holzdruck, wo letztlich das stehenbleibt, was der Künstler sichtbar machen will, wo alles andere in den Hintergrund tritt und in einer Negativform verschwindet. Dieser abtragende Vorgang bewirkt ein Herausfiltern der Linie und schliesslich die Entstehung einer Essenz, die es "in sich hat". Diese Linien sind Fixierungen des fliessenden Zusammenspiels von Kopf und Hand, sind gestaltgewordenes Gedankenspiel. Durch Parallelen werden alle Bewegungen vervielfältigt, eine Art Akkord verstärkt den einzelnen Linienton. Die Schwünge und Kurven werden zu Bändern und Flächen, Melodien gleich, die durch Synchronie und Disharmonie den Zeichen-/KLangraum erzeugen.

Nina Neumaier 2010