Obertöne


Der Werkzyklus "Obertöne" reflektiert ein Thema, das in unserer visuell dominierten Umwelt leicht übersehen beziehungsweise überhört wird. Die neuen kleinen und mittelformatigen Hinterglasbilder und -zeichnungenbeschäftigen sich im weitesten Sinn mit Notation von Schwingungen, von Bewegungen und Interruptionen der auditiven Wahrnehmung beschäftigen. Durch das transparente Material Glas mit der absolut perfekten Oberfläche entstehen Reflexionen, Tiefen und auch Doppelungen, die Parallelen zum musikalischen Thema entstehen lassen.

Diese vergessene und meist noch im Hobbybereich dilettierende Maltechnik der Hinterglasmalerei wird aus ihrem angestaubten traditionellen Kontext befreit. Zur Verwendung kommt sowohl anderes Material (meist Plexiglas), andere Formate als auch andere Sujets - und vor allem: die Malerei und Zeichnung wird freigestellt, und so übersetzt in eine andere, dem Material Glas entsprechend fragile Bildsprache.

Die von Bewegung gezeichneten Sujets scheinen ohne Bildträger zu schweben und widersprechen der der Technik eigentlich immanenten Starre und Leblosigkeit. So zeigt sich unter der ultraglatten perfekten Oberfläche des Glases mit entsprechend hoher Leuchtkraft die reduzierte pure Form dieser neuen Kompositionen. Harte, klare geometrische Formen stehen in Korrespondenz mit den durch Zufall produzierten Texturen und Mustern; weiche Linien und Bänder kommentieren hermetische Farbflächen.

Obertöne sind Naturphänomene und allgegenwärtig, auch wenn wir sie kaum wahrnehmen und uns ihrer nicht bewusst werden. Im menschlichen Gehör werden diese Wellenerscheinungen zu Musik. Sie sind die Urmusik des Universums. Jegliche akustische Kommunikation basiert auf den Obertönen. Sie sind das allererste, was ein Mensch, schon als Fötus vor der Geburt wahrnimmt. Klangkommunikation mit Obertönen ist buchstäblich universell und verbindet alle Menschen unabhängig von Kultur, Hautfarbe und Herkunft.

Wenn man sich dem Thema physikalisch-mathematisch nähert, wird man bald erkennen müssen, dass reale Töne und Klänge letztlich nur begrenzt beschreibbar sind. Das ästhetische System ist deswegen bis heute nur schwer naturwissenschaftlich zu fassen. Es gibt kein überzeugendes System, um Klang zu beschreiben und er bleibt auch psychologisch nur umschreibbar.

Obertöne sind ein Paradigma der Unschärfe und Störung, ein irrationales Moment, unentbehrlich für ein farbiges, lebendiges Klangerlebnis.

Im Zyklus "Obertöne", in diesen Ausflügen in musikalische Welten geht es um die Frage nach dem Wunder des Klangs. Es gibt keinen reinen singulären Klang. Erst das unreine, disharmonische, das chaotische oder das Fehlen von mathematischer Reihung macht die Farbschönheit eines Klangs aus. Wir hören keine einzelnen Obertöne, unser Gehirn macht daraus nuancenreiche Farb-Bündel. Alles gerät in Bewegung, feste Massen und Lufträume formieren sich zu Wellen und erreichen letztlich nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern erzeugen Wirkungen auch in unserer Psyche.

Das Wunder eines Tons, eines Klangs, der erzeugt wird, schwingt, aufgenommen wird und dann wieder im Nichts verschwindet, ist grandios, bleibt unergründlich. Der Wunsch, Klang festzuhalten, zu analysieren, zu protokollieren, zu formatieren war immer groß, ist aber nie ganz gelungen und wird nie ganz erfüllbar sein.

Hier bleibt ein Großteil nicht notierbar, hier bleibt ein Freiraum zur künstlerischen Gestaltung, der innerliche Resonanz auslösen will. Hier berühren sich Musik und Malerei: Obertöne sind Farben mit vielen Nuancen. Nur wer im Moment des Hörens und Sehens in diese Farbklangwelten eintaucht, wird von ihren Schwingungen angeregt und für Augenblicke etwas von unfassbarer Transzendenz spüren können.